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Markranstädts Narren lassen Schachfiguren und Marsianer tanzen
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Foto: André Kempner/LVZ

Schwungvoller Karneval in proppenvoller Stadthalle / Lallendorfer bejubeln Boygroups

MARKRANSTÄDT. Was haben Rambo, grüne Marsianer, Lady Liberty und ein Einhorn miteinander zu tun? Nichts? Von wegen: In Markranstädt feiern sie zusammen Karneval.

Es ist die 58. Session des Markranstädter Carnevals Clubs (MCC), daher ist klar: Die Markranstädter, die sich zum Karneval gerne „Lallendorfer“ nennen, haben Erfahrung. Da stimmt der Sound in der proppenvollen Stadthalle, die eigentlich schon vor Weihnachten wieder mal ausverkauft war. Da stimmen Beleuchtung, Programmaufbau, Bühnenbild, die Bierversorgung, das Publikum. Kaum einer kommt ohne Kostüm: Rambo schaut böse drein, lässt martialisch die Muckis spielen, gleich neben ihm feiert das Einhorn auf dem Schoß seines Trägers. Trekkis sind dabei, natürlich Scheichs und Burgfräuleins, aber auch ein Lego-Männchen, das unter seiner aufwendigen Verkleidung richtig schwitzen muss.

Aber gegen die fantasievollen Kostüme auf der Bühne kommt niemand an. Da tanzen kleine Marsianer ihren Gardetanz bei „Jugend & Junioren“ im grünen Dress samt langen Ohren, da schieben sich in der Patchworkcrew spektakuläre Rummelwagen über die Bühne, tanzt beim Weiberrat gar die „Lady Liberty“ mit, wenn Udo Jürgens singend bedauert, dass er noch niemals in New York war. Klar, nicht jede Pointe von Thomas Koch, der sich als Doc Emmet Brown von „Zurück in die Zukunft“ verkleidet hat, sitzt perfekt. Aber seine Späße zum Zeitreise-Thema der Session und seine Witze überbrücken die Umbaupausen, auch wenn er nicht fünfmal dem VW-Abgasskandal Zucker geben müsste, nur weil seine Zeitmaschine ein bisschen nebelt. Aber das Publikum, das feiern will, verzeiht ihm das nur zu gern. Denn Koch ist routiniert, souverän – er führt seit Jahren als Hofmarshall durch das Programm, kennt jeden – und jeder kennt ihn.

Karneval unter Freunden, quasi in Familie, wird in Markranstädt gefeiert. Da gehen ganze Tische an Vereine und Cliquen weg, und auf der Bühne stehen Leute aus dem Ort. Mehr als die Hälfe der fast hundert Aktiven in den sieben Tanzgruppen des Vereins sind Nachwuchsakteure, also Kinder und Jugendliche aus Markranstädt und Umgebung. Um die Zukunft muss dem feierfreudigen MCC also nicht bange werden.

Und feiern kann er. Natürlich gibt es Szenenapplaus im Saal, als beim Titanic-Tanz des Männerballetts die legendäre Autoschmuseszene aus dem Film gekonnt mit einem Wisch über eine dunstige Scheibe angedeutet wird. Richtig heiß wird es im Saal aber, als die – meist – gut gebauten Springer als Boygroup auftreten, dabei bis zum Oberkörper blank ziehen. Gut unterrichtete Kreise behaupten, beim Weiberfasching am Donnerstag sei gar noch mehr gefallen. Ehrensache, dass die Herren auch am Samstagabend eine Zugabe bieten.

Niemand nimmt sich hier allzu ernst. Auch nicht die Frauen, die bei „Mit
66 Jahren“ ein Rollator-Ballett mit viel Bein hinlegen, oder die Springer-Olympioniken, die ganz sportlich beim Synchronspringen über den Kasten brillieren, beim Dressurreiten mit Pferdchen danach aber ganz schön albern aussehen. Aber was soll’s, beim Karneval in Markranstädt reimt sich ja auch das hier: „Tote Enten sollen nicht verwesen, tote Enten bringt man zum Chinesen.“ Die Goldgählschen finden, die Tiere sähen traurig aus, aber der Chinese, der mache was draus. Politisch korrekt ist das nicht – eben Karneval.

VON JÖRG TER VEHN

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